Lehre

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Drei Thesen zum Wohnungsbau

1. Wohnen in der Stadt

»Wohnen in der Stadt« bildet in den kommenden Semestern den Schwerpunkt unserer Auseinandersetzung mit Architektur und Wohnungsbau. Dieser Fokus ist der Beobachtung geschuldet, dass städtische Gebiete als Arbeits- und Lebensräume aus ökonomischen, ökologischen und nicht zuletzt kulturellen Gründen wieder an Attraktivität gewinnen und in den letzten Jahren einen Bevölkerungszuwachs erlebten. Die Rückkehr in die Stadt geht einher mit veränderten Bedürfnissen an Wohnformen und Wohnräumen. Welche sind diese Anforderungen und wie können wir sie in den Entwürfen reflektieren?

2. Anonymität und Individualität

Auf der gesellschaftlichen Ebene ist für das gegenwärtige Wohnen und damit auch für die Wohnbauproduktion ein weiteres Phänomen von besonderer Bedeutung, nämlich die ausgeprägte Individualisierung bei gleichzeitiger Anonymisierung der Bewohnerschaft. Grund für diese Entwicklung ist auf der einen Seite der in den letzten fünfzig Jahren enorm gestiegene Wohlstand in Europa, der es praktisch allen Individuen der Gesellschaft erlaubt, ihr Leben unabhängig zu gestalten. Dieser Pluralismus an Lebensentwürfen führt unweigerlich zu unterschiedlichsten Nachfragemustern und individuellen Ausdrucksformen. Wie können unsere Wohnungsgrundrisse diesen veränderten und atomisierten Bedürfnissen nachkommen?

3. Innovation im Wohnungsbau

Zwei Beobachtungen stehen im Mittelpunkt der dritten These. Erstens: Wohnungsbau ist konservativ. Damit meinen wir, dass sich Wohnungsbau nur langsam verändert, und dass Wohnungsbau durch einen hohen Grad an Konformität geprägt ist. Alternative Wohnformen sind eher die Ausnahme. Zweitens: Wohnformen sind immer noch stark bürgerlich geprägt. Mit bürgerlichen Wohnformen ist eine Wohnform gemeint, die sich im 18. Jahrhundert mit der Industrialisierung und dem neuen Selbstverständnis des Bürgertums entwickelte. Dieses Ideal der Häuslichkeit beinhaltete neben der Privatisierung des Wohnraums für die bürgerliche Familie und der Trennung des Wohnens vom Arbeiten auch eine hohe Binnendifferenzierung innerhalb der Wohnung. Das heißt, ein System von Schwellen zwischen öffentlichen und privaten Zonen sorgt für die Verregelung des Alltags in der eigenen Wohnung. Es ist überaus interessant, dass es das Bürgertum schaffte, seine eigene Lebensform in der ganzen übrigen Gesellschaft durchzusetzen, und dass diese Wohnform bis heute kaum an Aktualität einbüßte. Selbst in Asien wird heute nach westlich-bürgerlichen Wohnwelten gestrebt. Inwieweit gelingt es uns, mittels unseren Entwürfen alternative Wohnformen jenseits bürgerlicher Konformität und Konvention zu entwickeln?